Dämonen vertreiben

Ich habe gestern die wahrscheinlich seltsamste Erfahrung meines Lebens gemacht. Es fing damit an, dass ein Bekannter hier in Reykjavik mich dazu überredet hat, an einem indianisches Ritual teilzunehmen, bei dem man seine Dämonen vertreibt. Man würde erst wild tanzen, dann zusammen Stunden lang in einem dunklen Zelt sitzen, indianische Gesänge singen und dabei unglaublich viel schwitzen. Danach soll es Eier und Gurken geben und das Ganze macht dann umgerechnet 45 Euro. Selbstverständlich konnte ich da nicht nein sagen.

Nachdem wir ewig das besagte Haus außerhalb der Stadt gesucht haben, hat sich das liebe Geld schon beim Einparken bezahlt gemacht. Ein verschnörkeltes Haus mit pinken Dächern auf einem einsamen Hügel, umgeben von unzähligen skurrilen Gebilden und Steinhaufen, von denen man einige vielleicht Skulpturen nennen könnte. Aber das Beste an der Szenerie: Kein Mensch weit und breit – dafür aber an die 50 wild herum hoppelnde Hasen. Unbezahlbar.

Wir folgen dem aufsteigenden Rauch um das Haus herum und finden dort unsere bunte Gruppe vor. Zusammen starren alle ernst in ein Lagerfeuer und tragen dabei lächerliche Brillen mit viel zu großen, farbigen Gläsern. Die beiden Schamanen begrüßen uns freundlich und fragen nach unserem Namen, unserer Herkunft und unserem Geburtsdatum. Bedeutungsvoll schließt das Schamanenpärchen die Augen und wählt nach einiger Bedenkzeit eine violette Brille für mich aus. Diese Jahr wäre übrigens mein Jahr, mein violettes Jahr.

Während ich daraufhin versuche, wie die anderen nachdenklich ins Feuer zu starren, kommt Goddur zu mir und erklärt mir die Prozedur. Goddur ist sowas wie Islands lebende Design Legende, ein Bär von einem Mann und jemand, dem man gerne zuhört, selbst wenn man seine Sprache nicht versteht. Er erzählt mir davon, wie Björks Mutter das Ritual von ihrem nord-amerikanischen Indianerstamm nach Island gebracht hat und wie die beiden schwulen Schamanen es weiterentwickelt haben. Zusätzlich zu dem indianischen Ursprungsabläufen, die ausschließlich aus Feuer, Wasser und Erde bestanden, haben die beiden dem Ritual einige Nuancen aus dem New Wave und der Schwulenkultur eingehaucht. Deshalb die albernen Brillen.

Er selber macht dieses Ritual seit zwölf Jahren mindestens einmal im Monat und hat dadurch seine Alkohol- und Drogensucht besiegt. Von Zeit zu Zeit brauche er einfach einen Rausch, anders geht’s nicht – ich nicke verständnisvoll. Schließlich kommt einer der Schamanen, um uns die „Sweatlounge“ zu erklären. Ein etwa ein Meter hohes, massives Zelt in Form einer Schildkröte, das nur einen winzigen Ein- und Ausgang hat. Das ganze spirituelle Gedöns, was er dazu erzählt, kann ich nicht mehr genau wiedergeben. Doch ich habe mir ehrlich alle Mühe gegeben, es ernst zu nehmen.

Bevor es jedoch in die – wie sich noch herausstellen sollte – Schildkröten-förmige Hölle geht, steht zunächst das gemeinsame Tanzen auf dem Plan. Gemeinsam laufen wir ins Haus der beiden Schamanen, dessen Innenleben sich jeder Beschreibung entzieht. Vielleicht kann ich es ansatzweise an einem Selbstportrait eines der Männer festmachen, das über dem Schuhschrank im Eingang hängt. Im traditionellen Kimono und einer als Bandana umfunktionierten Amerika Flagge auf dem Kopf, lächelt der Schamane ohne Augenbrauen verschmitzt von hinten über seine Schulter in die Augen des Betrachters. Der Rahmen des Fotos besteht aus vielen kleinen rosa Herzen.

Jetzt muss man sich vorstellen, dass in diesem riesigen Haus, in dem man um von der Küche ins Esszimmer zu gelangen, durch die Toillette laufen muss, und in dem scheinbar auf jedem Raum ein neuer folgt – dass in diesem abgedrehten Gebilde eines Zuhauses auf ca. jedem Zentimeter jeder Wand ein Bild oder eine Malerei solchen Ausmaßes hängt. Umgeben von so viel herrlich fehlgeleiteter Kreativität braucht man tatsächlich keinen Alkohol, um in Tanzstimmung zu kommen.

Wir gehen also in einen dieser entrückten Räume, ziehen uns bis auf die Badehose aus und fangen an zu Lady Gaga zu tanzen. Mit schwuler Pop Musik geht es los, bis wir dann nach ca. einer Stunde bei indianischen Klangteppichen gelandet sind. Während der ganzen Zeit haben alle die Augen geschlossen und versuchen sich frei zu machen von allem, was sie herunterzieht. Mir gelingt das nur bedingt – auch weil ich beim blinden Tanzen andauernd mit meinem Nebenmann kollidiere.

Als das letzte Lied ausklingt fragt mich einer der Isländer, ob ich mich freue hier zu sein und ich nicke eifrig. Dann geht’s in die Sweatlounge. Halbnackt sitzen wir alle im Kreis und begrüßen jeden einzelnen heißen Stein, der durch den kleinen Eingang hineingereicht wird mit einem herzhaften „vellkominn!“. In fünf Durchgängen sollen wir daraufhin unsere Dämonen loswerden. Die beiden Schamanen erzählen uns ausgiebig ihre spirituelle Weisheiten zu jedem der Durchgänge, während ich mir auf Grund der ansteigenden Hitze langsam Sorgen um meinen sowieso schon Kater geplagten Körper mache.

Dann schließt einer der Schamanen den Eingang. Der andere kippt im Dunkeln Wasser auf die heißen Steine. Tatsächlich waren die indianischen Gesänge, die wir zusammen gesungen haben das einzige, was mich durch die Hitze brachte. Haaa-Hooo-We-Waa-Huu-Ti-Tscha, Haaa-Hooo-We-Waa-Huu-Ti-Tscha, Haaa-Hooo-We-Waa-Huu-Ti-Tscha – oder so ähnlich. Durch das kontrollierte Atmen beim Singen bringe ich den ersten Durchgang komplett durchnässt, aber noch halbwegs unbeschadet hinter mich. Dann wird der Eingang wieder geöffnet und ein wenig frische Luft strömt ins Zelt. „Sweat is the water of life, your bathing in the water of life“ lallt der feminine Part des Schwulenpärchens aufmunternd in die Runde.

Zum Ende des zweiten Durchgangs merke dann ich schon, wie meine Zeh- und Fingerspitzen anfangen zu kribbeln. Der Indianer Sing Sang im dritten Durchgang will jedoch einfach nicht enden. Ich bekomme kaum noch einen Ton aus meinem Körper, alles kribbelt wie verrückt und mein Bauch fängt an unkontrolliert zu zittern. Und ich Idiot denke noch, dass es wahrscheinlich allen so geht und versuche nicht in Panik zu geraten. Denn das wir hier drin leiden müssen, war ja Teil des Plans. Bullshit, ich war wahrscheinlich kurz davor zu hyperventilieren.

Zum Glück ging es Lauri, dem einzigen Ausländer neben mir ähnlich – und der Kerl ist Finne. Der Schamane soll die Tür öffnen, er möchte raus und ich stimme stöhnend und mit mittlerweile tränenden Augen mit ein. Und das ist der unschöne Teil der Geschichte: Die New-Wave-Schamanen singen einfach weiter und weigern sich den Ausgang zu öffnen. „Sing! Sing! You have to sing!“. Völlig verzweifelt wimmer ich noch einmal die Töne mit, bis Lauri anfängt die beiden anzuschreien. Schließlich öffnen sie wiederwillig den Ausgang.

Kurz vorm Krampfen rutsche ich über nasse Unterschenkel Richtung Licht zurück ins gute Leben. Einen halben Meter hinter dem Ausgang, der sofort wieder hinter uns geschlossen wird, liegen wir beide in unseren roten Badehosen regungslos mit dem Gesicht im kalten Dreck. Oben am Haus hoppelt ein gefleckter Hase vorbei. Das Kribbeln weicht aus den Gliedmaßen, fährt die Wirbelsäule hoch und fühlt sich jetzt verdammt gut an. Nach einigen Minuten bricht Lauri die Stille mit einem Furz und wir beide fangen an zu lachen – und dann zu husten.

Alle Isländer bis auf Goddur haben tatsächlich noch zwei weitere Runden in dem Zelt ausgehalten; insgesamt zweienhalb Stunden unerträgliche Hitze. Völlig unmenschlich. Selbst ohne Kater hätte ich das nie geschafft. Goddur hat das Zelt nach dem vierten Durchgang verlassen. Da sitzen Lauri und ich schon zusammen im selbstgebauten Hot Pot, als sich uns das wahrscheinlich schönste Bild Islands offenbarte. Goddur, dieser unglaublich fette, kleine Wikinger-Zwerg, nackt und mit wehenden Bart und Haaren im Schein des Lagerfeuers. Nur seine Füße zieren ein paar hellblaue Clocks. Wieder: Unbezahlbar. Und ich habe noch nie so leckere Eier gegessen, wie beim gemeinsamen Dinner danach. Absolute EIns-A-Gourmet-Eier waren das!

Info

Projekt

Dämonen vertreiben

Kurzgeschichte

Daten

Der Text ist noch in derselben Nacht nach einem seltsamen Erlebnis in Reykjavik entstanden.

Beschreibung

Auch wenn ich mir grundsätzlich von der Realität keine gute Geschichte kaputt machen lassen würde, ist an diesem Text wirklich nichts fiktiv, sondern alles tatsächlich so vorgefallen. Indianer-Ehrenwort.